Freitag, 11. Februar 2011

"Hoffenheim identifiziert sich mit mir"
Trainer Marco Pezzaiuoli würde bei der TSG 1899 gerne eine Ära einläuten - Werder Bremen mit Rehhagel und Schaaf als Vorbild

Quelle: www.morgenweb.de  - von Jürgen Berger


Trainer Marco Pezzaiuoli fordert mit der TSG 1899 am Samstag Rekordmeister Bayern München heraus.

Bildquelle: dpa

Hoffenheim. Als 18-Jähriger betreute Marco Pezzaiuoli die B-Jugend des VfR Mannheim, heute (15.30 Uhr) tritt er als Trainer des Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim bei Bayern München an.

Herr Pezzaiuoli, Ihre Ehefrau ist Mode-Designerin. Wer hat bei der Kleider-Auswahl am Spieltag das Sagen?
Marco Pezzaiuoli (lacht): Das entscheide ich selbst.

Das kam sehr spontan. Welche Eigenschaften braucht man, um ein erfolgreicher Bundesliga-Trainer zu sein?
Pezzaiuoli: Man braucht auf jeden Fall großes Glück. Es gibt viele Trainer, die gar nicht die Möglichkeit bekommen, in der Bundesliga zu arbeiten. Man muss seine eigene Philosophie über Jahre entwickeln. Dann gilt es, eine eigene Handschrift umzusetzen. Wichtig ist, konsequent zu bleiben.

Sind Sie mit Ihrem Start als TSG-Chefcoach zufrieden?
Pezzaiuoli: Wir kommen sehr gut voran. Wir haben das Positionsspiel optimiert, weniger Ballverluste und erarbeiten uns viele Torchancen.

Trotz der jüngsten Erfolge äußern Sie sich sehr zurückhaltend zu den Saisonzielen. Dabei gelten Sie als sehr ehrgeizig und zielstrebig...
Pezzaiuoli: Man muss immer den ersten Schritt vor dem zweiten oder dritten machen. Die Liga spielt in dieser Saison sehr konfus. Deshalb zählt es zunächst, die Punkte einzufahren, die wichtig für den Klassenerhalt sind. Ist das geschafft, können neue Ziele ausgegeben werden.

Glauben Sie, dass das "Projekt Hoffenheim" mit dieser Taktik auf Dauer die Erwartungen der Fans erfüllen kann?
Pezzaiuoli: Entscheidend ist, guten und erfolgreichen Fußball zu spielen, der unsere Fans begeistert. Irgendwann - wenn der Klub gefestigt ist - kann man vielleicht sagen, dass wir jedes Jahr in der Europa League oder der Champions League spielen wollen. So weit sind wir noch nicht. Sollte jedoch schon in dieser Runde ein Platz im internationalen Geschäft herauskommen, nehmen wir das gerne an.

Mäzen Dietmar Hopp hat gefordert, dass die Talentförderung optimiert werden muss. Gibt es Kandidaten für den Profikader?
Pezzaiuoli: Wir brauchen noch ein bisschen Zeit und Geduld. Es gilt, Schritt für Schritt den einen oder anderen Spieler heranzuführen. Mit Manuel Gulde steht bereits ein Spieler im Profikader, leider ist er noch verletzt.

Marco Terrazzino und Pascal Groß sind gemeinsam mit Gulde vom VfL Neckarau zur TSG gewechselt. Warum haben Sie den Durchbruch nicht geschafft?
Pezzaiuoli: Beide konnten sich früh durch Einsätze in der Bundesliga präsentieren. Ihr Weg ist dann aber nicht so weitergegangen, wie sie es sich vorgestellt haben. Ich finde es gut, dass sie nun beim Karlsruher SC den Weg über die Zweite Liga suchen, um den nächsten Schritt machen zu können.

Was trauen Sie Gulde zu?
Pezzaiuoli: Entscheidend ist, dass er über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei spielen kann und so sein Selbstvertrauen findet. Wir setzen auf ihn. Das zeigt auch, dass wir bestrebt sind, den Vertrag mit ihm zu verlängern.

Ist Hoffenheim ein Ausbildungsverein?
Pezzaiuoli: Definitiv nicht. Wir sind ein Verein, der erfolgreich in der Fußball-Bundesliga spielen möchte. Damit das gelingt, müssen wir zwei Wege kombinieren: Zum einen Spieler von außerhalb holen und anderseits den eigenen Nachwuchs so stark fördern, dass irgendwann möglichst viele Spieler in unserem Profi-Kader aus dem eigenen Stall kommen.

Wie oft tauschen Sie sich mit Hopp aus?
Pezzaiuoli: Wir haben uns schon einige Male ausgetauscht. Ich hoffe, dass es weiterhin regelmäßige Treffen geben wird.

Jeder Verein braucht Identifikationsfiguren. Sie sind Kurpfälzer. Kommt diese Rolle für Sie infrage?
Pezzaiuoli: Es ist ein Zeichen, dass ich vom Verein einen Vertrag bis 2013 plus Option auf ein weiteres Jahr erhalten habe. Das zeigt, dass man sich mit mir und meiner Arbeit identifiziert. Wenn ich es schaffen könnte, hier eine ähnliche Ära wie Otto Rehhagel oder Thomas Schaaf in Bremen zu erleben, wäre das eine tolle Sache. So etwas ist im Leistungssport aber nicht planbar.

Hopp rechtfertigt den Verkauf von Luiz Gustavo mit dem Financial Fairplay der UEFA. Glauben Sie, dass diese Regelung in Italien oder Spanien tatsächlich umgesetzt wird?
Pezzaiuoli: Wir können nicht so tun, als ob diese Regelung vielleicht gar nicht eintritt. Das wäre nicht professionell. Wir sind gut aufgestellt. Gehälter und Einnahmen sind so strukturiert, dass wir keine Probleme haben werden.

Verfolgen Sie den Fußball in Mannheim?
Pezzaiuoli: Auf jeden Fall. Ich hoffe, dass sich der SV Waldhof wieder fängt, damit irgendwann wieder Bundesliga-Fußball in Mannheim gespielt werden kann.

1899-Kapitän Andreas Beck wird von Juventus Turin umworben. Verliert die TSG im Sommer einen weiteren Leistungsträger?
Pezzaiuoli: Generell müssen wir immer damit rechnen, dass uns Spieler verlassen. Das haben wir in dieser Saison gesehen. Andreas ist durch eine Vertragsoption bis 2013 an uns gebunden. Unser Bestreben ist es natürlich, unseren Kapitän zu halten.

Ryan Babel für Demba Ba, Edson Braafheid für Christian Eichner, David Alaba für Luiz Gustavo, dazu Firmino. Ist Hoffenheim qualitativ besser besetzt als vor den Winter-Transfers?
Pezzaiuoli. Das Team ist anders besetzt. Man kann nicht sagen, der Spieler ist für den gekommen. Man hat gewisse Spielertypen gesucht, die zu unserer Philosophie passen und dann verpflichtet. Jeder Profi hat andere Qualitäten. Eichner hatte zum Beispiel großen Einfluss innerhalb der Mannschaft, war ein Führungsspieler. Die Neuen müssen in diese Rolle erst noch hineinwachsen.

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